Zwischen zwei Welten

Pleasantville ist der Titel eines eindrucksvollen Films, der bereits im Jahre 1998 entstanden ist. Er zeigt auf eine sehr affektierte Weise eine heile schwarz-weiß Welt in der jeder immer mit einem aufgesetzten Lächeln, erfolgreich und perfekt gestylt seinen gewohnten Alltag nachgeht.  Das Familienleben ist perfekt, der Frühstückstisch perfekt hergerichtet, die perfekten Kinder vorbildlich höflich, eine immer lächelnde, liebevolle, und adrett gekleidete Mutter, die ständig für allerlei frisch Gebackenes sorgt. Die Menschen wirken wie zurechtgemachte Marionetten die keine Emotionen und Veränderungen kennen und sich immer an die Regeln halten. In dieser Welt scheint immer die Sonne und die örtliche Feuerwehr rettet lediglich Katzen von Bäumen, Feuer kennt sie nicht. Was ich total spannend an diesem Film finde ist die Wende die er dann nimmt, signalisiert durch eine einzige farblich dargestellte rote Rose ausgelöst durch das entdecken einer ganz eigenen Gefühlswelt. Chaos lebt auf, alles zuvor da gewesene verändert sich. Durch das Wahrnehmen und anerkennen der eigenen Empfindungen verändern sich die schwarz-weiß Figuren nach und nach in farbige Figuren. Die symbolhafte Sprache dieses Films ist gewaltig und wunderschön und durchzieht ihn wie einen roten Faden. Realitätsgetreu erzählt, zeigt diese Veränderung dann aber auch eine andere Seite von Gefühlen. Angst vor dem was man nicht kennt, dadurch erzeugtes Unverständnis, Aggressionen und Ausgrenzung. Eine ganz bestimmte Äußerung über die menschlichen Empfindungen von Hauptdarsteller Tobey Maguire am Ende des Films hat sich mir dabei besonders eingeprägt: „Es steckt in uns allen! Im Verborgenen“.

Wir leben heutzutage in einer Welt die immer mehr von der Online-Welt beeinflußt wird. Das Internet übermittelt uns unendlich viel Wissen in kürzester Zeit, Kontakte sind schneller geknüpft, und auf den sozialen Netzwerken präsentiert man bevorzugt eine perfekte heile Welt. Alle sind schön, immer gut gelaunt, perfekt gestylt, haben perfekte Körper, perfekte Karrieren, perfekte Beziehungen, überglückliche Familien die immer fröhlich ausgelassen liebevoll miteinander umgehen, der Frühstückstisch perfekt hergerichtet für das passende Foto auf Instagram. Models die als ‚Normale Mädchen‘ von nebenan verkauft werden , in ihrem ’normalen‘ Alltag sich angeblich selbst fotografieren, und diese Bilder dann posten. Das oft dahinter lediglich Firmen mit Profifotografen sitzen, die diese Plattformen nur für den Verkauf ihrer Produkte nutzen, ist mittlerweile vielen klar. Instagram, der Versand-Katalog des 21. Jahrhunderts.

Das reale Leben rückt dabei immer mehr in den Hintergrund, denn der wahre Mensch  dahinter darf online im Verborgenen bleiben. So sehr uns das digitale Zeitalter Türen in die ganze Welt öffnet genauso verankert es aber einen Keil in wahre zwischenmenschlichen Beziehungen wodurch wir den aufrichtigen sozialen Umgang miteinander verlernen. Damit es nicht so weit kommt brauchen wir die direkte Auseinandersetzung mit unseren Empfindungen und die Reaktion eines realen Gegenübers. Und dafür benötigt man Zeit und Mut. Entschleunigung, die wir uns heute im digitalen Zeitalter fast nicht mehr leisten können, und Mut der einfach immer unbequem ist. Die aufgezwungene Geschwindigkeit durch die wir tagtäglich ‚abliefern‘ müssen, beeinflusst auch unser Verhalten zu anderen Menschen. Schnell wird dann eben mal bei der Freundin  über Whatsapp angefragt wie es ihr geht, und zeitgleich nach einem Ansprechpartner online gesucht, weil man Fragen zu einer Versicherung hat. Kommunikation wird beiläufig, richtiges Zuhören und persönliche Zuwendung, durch die eine gesunde Vertrauensbasis erst aufgebaut werden kann, ist dadurch nicht mehr gegeben. Es ist dann irgendwann nur noch ein Austausch von Informationen, mehr nicht. Auf sozialen Plattformen kompensiert man dann genau das was einem im realen Leben fehlt: Wertschätzung, Aufmerksamkeit, und das irgendjemand da draußen einem wirklich zuhört. Ein Teufelskreis über den sich zunehmend besonders Dating-Plattformen freuen.

Es wird gerne vergessen das hinter jeder Onlinepräsenz ein ganz ’normaler‘ Mensch sitzt der meist nur eine optimierte Version von sich selbst zeigt. Hinter der ganzen Scharade stecken keine unfehlbaren perfekten Menschen, sie haben Ängste, Sorgen und Kummer. Vielleicht ist das auch der Grund warum Millionen von Menschen sich dorthin flüchten, es ist bequem und sicher, Fehltritte sind schnell gelöscht, und bei Störfaktoren geht man einfach ‚offline‘. Ein konfrontationsfreies Universum.

Wir sind online wenn wir off-life leben.

Man hat gute Tage und Tage, die verlaufen echt beschissen. Kennt jeder. In der richtigen Welt verläuft nicht alles nach Plan, doch über die sozialen Plattformen wird im Übermaß weiterhin der Grundgedanke ‚Denke positiv‘ verkauft. Das ist leider aber zum einen ein fataler Selbstbetrug und zum anderen immer leichter gesagt, besonders von denjenigen, die sich selbst niemals zuvor mit entsprechenden Situationen auseinander setzen mussten. Man kann das Leben und die Umstände die jeder für sich anders bewältigt, nun mal eben nicht verallgemeinern. Wie kann das Leben bunt sein wenn man strikt das Chaos ausgrenzt? Krampfhaft positiv denken, immer gut drauf sein, kontrolliert bleiben, keinerlei Ausraster, und bloß nichts Negatives bitte. Überall Licht, tanzende Engel und ein Dauergrinsen im Gesicht. Namaste. Ehrlich gesagt bekomme ich persönlich vor solchen Menschen immer ein klein wenig Angst, und ich komme nicht umhin mich zu fragen: ‚Öhm‘?..

Der Mensch kann nicht konstant nur positiv denken, sich ausschließlich darauf zu konditionieren macht auf Dauer krank da dann ein Ungleichgewicht herrscht. Die Natur lebt von der Polarität, alles hat zwei Seiten, kalt und warm, oben und unten, schön und hässlich. Yin und Yang ist, und als Mensch muss man lernen mit beiden Seiten klar zu kommen. Schlechte Zeiten sprich die ‚hässliche‘ Seite gehört einfach dazu.  Wenn ihr euch unverstanden fühlt, oder ständig eure wahren Empfindungen unterdrücken müsst dann fragt euch ob nicht vielleicht das Umfeld in dem ihr euch bewegt das Problem ist. Die Menschen die eure ‚Launen‘ sprich eure Empfindungen aushalten, werden zwar nicht viele sein, aber es sind definitiv die Richtigen.

Schmerz und Wut leichtfertig abzutun und mit verfälschter Fröhlichkeit zu überkleben ist ein krankmachender Weg. Man muss sich damit auseinander setzen, und auch dürfen. Man darf Konfrontationen die eine Verbesserung des seelischen Wohlbefindens herbei führen könnten, nicht scheuen. Das das wiederum nicht kippt zu einem Maß der Selbstzerstörung, bis hin dazu einem anderen zu schaden, dafür hilft ‚Mental-Strength-Training‘. Aber, die Entwicklung zur mentalen Stärke heißt nicht, alles was man empfindet, von nun an komplett auszublenden. Man kann lernen seine Emotionen in Bahnen zu lenken, die einem befähigen aus eigener Kraft wieder aufzustehen um an diesem Wende-Punkt für sich selbst etwas ‚positives‘ mitzunehmen. Die Wahrnehmung zu entwickeln dafür, das es einem tatsächlich nicht gut geht, ist dabei entscheidend. In erster Linie geht es darum ein Problem überhaupt anzuerkennen. Wird das nicht getan, zeigt sich das früher oder später  in Form einer Krankheit, Abhängigkeiten, oder noch schlimmer, man verneint sein Leben in  dem man keinen Sinn und Ausweg mehr findet, tut sich womöglich selbst etwas an, weil man sich unverstanden oder als nicht ’schön‘ genug fühlt, und einem die tägliche stumpfsinnige Routine und das anpassen an die Normen erdrücken und lähmen. Leider durchbrechen wir diesen auferlegten Rahmen erst dann wenn uns das Schicksal dazu zwingt.

The only guide to a fulfilling life are your emotions and feelings, so listen carefully.

Eine Krankheit wie der Krebs ist zum Beispiel ein solch niederschmetternder Schicksalschlag der alles verändert. Man wird förmlich in diese hässliche Seite hinein katapultiert, mit allem was dazu gehört: der Verlust von Stärke, Leichtigkeit, Fröhlichkeit und Schönheit, mit Wut, Angst und Traurigkeit, und die Hilflosigkeit die man verspürt, wenn man erlebt, wie der eigene Körper nach und nach zerfällt.

Einen geliebten Menschen zu verlieren, nicht nur aufgrund solch einer Krankheit, schmerzt unbeschreiblich und verändert auch einen selbst. Noch heute, fast 2 Jahre danach, frage ich mich immer noch was ich hätte besser machen können, war ich genügend für sie da? Diese Selbstzweifel haben mich lange begleitet da man gegenüber dem Lauf der Dinge einfach so machtlos ist. Es ist unaufhaltsam,  es sind genau diese Augenblicke in denen man innehält, Momente, die einem die eigene unabwendbare Vergänglichkeit vor Augen führen. Was geblieben ist sind Erinnerungen, an unsere Gespräche, Musik der wir gemeinsam gelauscht haben und die unendlichen Mengen von Schwarzwälder Kirsch die wir in der Krankenhaus Kantine gefuttert haben. Gut ein Jahr hat sie gekämpft..

..dann, an einem Montag Morgen im Dezember ist sie eingeschlafen…

Ich denke sehr oft an sie, und verweile nach wie vor in dieser Traurigkeit, doch mittlerweile habe ich gelernt die Momente der Trauer zu akzeptieren und mich selber nicht mehr so fertig zu machen. Gerade meine Schwächen als Wegweiser zu nutzen und vor allem das ich eben nur soviel geben kann wie es mir momentan möglich ist.

Robert Frost sagte einst: „The best way out is always through“. Für mich bedeutet das, mit den Konsequenzen umgehen lernen die man durch sein eigenes Tun hervorgerufen hat. Das ausblenden der wahren Gefühle,  auch Aggressionen, und der ständige Fingerzeig auf andere ist im Grunde nichts anderes als das mißachten seiner eigenen Schattenseiten. Dieses verneinen der eigenen Hässlichkeit lässt die Seele verkümmern, und sie allein macht den Körper zerbrechlich und anfällig für das was dann im Außen passiert. Meistens haben die Menschen die am lautesten ‚bellen‘ ein nicht akzeptiertes Problem mit sich selbst. Sie können sozusagen ’nicht über ihren Schatten springen‘.  Mehr hierzu findet man in der Psychosomatik, die leider noch zu wenig bei körperlichen Beschwerden mit einbezogen wird, denn nicht die Krankheit ist das Problem sondern die Ursache die es hervorgerufen hat. Vera F. Birkenbihl  hat das sehr eindrucksvoll in einem ihrer Vorträge erklärt: so wie es ‚die Gesundheit‘ gibt gäbe es auch nur ‚die Krankheit‘, und nicht ‚die Krankheiten‘. Die Erkrankung zeigt sich dann lediglich in unterschiedlichen Symptomen, wie zum Beispiel ein gebrochenes Bein oder ein Magengeschwür. Sie zitiert Dahlke folgend: Wenn man erkrankt sollte man sich selbst stets folgende Fragen stellen: 1. Wann ist das Symptom aufgetreten (Was war zu diesem Zeitpunkt los)?, und 2. Was verhindert die Krankheit und was erzwingt sie? Durch diese Selbstanalyse bzw. Selbstreflexion geht man auf ehrliche Weise in Konfrontation mit sich selbst und mit dem eigentlichen Problem. Man hört damit auf sich selbst auszugrenzen gegenüber allem was einem nicht gefällt. Wahrheit tut ja bekanntlich weh. Allerdings befreit sie auch. (Wer sich näher mit dieser Thematik befassen möchte dem kann ich als Einstieg das Buch hierzu sehr empfehlen: Krankheit als Weg .)

Was ich dennoch nach wie vor in Frage stelle, wie verhält sich diese Anschauung bei genbedingten Krankheiten. Auch hier gibt es nichts absolutes, sondern ein weiteres noch zu wenig erforschtes Feld, bei dem, wie mit vielem im Leben, das Außen und das Innen weiterhin getrennt voneinander gesehen wird.

Zwischen dem ganzen Streben nach einer nach außen hin inszenierten perfekt heilen Welt und das verbergen der eigenen Unzulänglichkeiten sollten wir uns eines stets ins Bewußtsein rufen:  es ist wichtig  ein gesundes Maß zu halten, Mut zum Lassen und Mut zur Ehrlichkeit, vorallem zu uns selbst. Denn das was das Leben so wunderbar bunt macht liegt in den vielen kleinen chaotischen Facetten die unsere Empfindungen auslösen, und die so unglaubliche wertvolle Erlebnisse hervorrufen.

Frag-Würdig:

  • Bereichert das Internet dein Leben oder raubt es dir zu viel Zeit?
  • Hast du das Gefühl das die Onlinewelt zwischenmenschliche Beziehungen zunehmend beeinflusst und verändert hat?
  • Bist du eher konfliktscheu oder stellst du dich einem Problem wenn es die Situation erfordert?

 

Herzlichen Dank für Eure Zeit!

Peggy Gardot

 

|Ich musste mich leider dazu entscheiden die Kommentarfunktion aufgrund der DSGVO vorerst zu deaktivieren, da ich momentan weder ein Plugin zur Anonymisierung der Kommentare (IP-Adresse ausblenden) noch ein Plugin für eine DSGVO Checkbox nutzen kann. Danke für euer Verständnis.|

5 Kommentare

  1. Das Internet dosiert bereichert auch musikalisch gehört meinen AllTag
    Die Onlinewelt entfremdet die Menschen sinnlich reduziert auf Textsymbolgefühl und getrenntes sprachlos
    Scheinverbundensein

    danke
    Dir Joaquim von Herzen

    Nachtrag
    Schade das der Glücksbeitrag in der Rubrik Kommentare geschlossen ist
    Welch ein Unglück

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    1. Grüß dich lieber Joachim:)

      erstmal herzlichen Dank für deinen schönen Beitrag! Vorallem finde ich deine Anmerkung „reduziert auf Textsymbolgefühl und getrenntes sprachlos Scheinverbundensein“ sehr treffend und inspirierend. Auch danke das du mich auf das geschlossene Kommentar-Feld hingewiesen hast. Das war eine Falscheinstellung und ist nun glücklicherweise korrigiert:) Freue mich auf weitere Beiträge!! Viele liebe Grüße Peggy

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  2. Flüssig geschrieben, süffig zu lesen, inhaltlich mit meiner Sicht der Dinge übereinstimmend.
    Soweit, so hehehe langweilig.
    Scherz! Immer wieder ist es anregend und erstaunlicherweise sogar inspirierend, eigene Ueberzeugungen vorgelegt zu bekommen, anders ausgedrückt, anders eingefärbt, anders illustriert.
    Danke!

    Deine Frage zu angeborenen Defekten / Krankheiten.

    Vielleicht ist meine Antwort darauf eindimensional und nur Abglanz der Wahrheit. Was weiss ich schon. Ich lebe immer noch in der Vorstellung, dass der Mensch einen Lebensplan hat. Je nach Entwicklungsgrad der Seele entscheidet sie selber wenig, erfahrenere Freunde entscheiden an ihrer Statt viel, oder sie entscheidet viel oder sogar alles, freundschaftlich Beratende stehen lediglich bei.
    Kommt eine Seele zum Schluss, dass sie in dem geistigen Gefängnis einer nächsten Inkarnation am effizientesten das erfahren und lernen kann, indem sie blind oder mit nur einem Arm oder halb debil leben wird, dann wird sich das Grobstoffliche danach richten und blindes, einarmiges oder halb debiles Gefährt, sprich Menschenkörper kreieren.

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    1. ..beim Kommentar ‚langweilig‘ hatte ich fast nen Herzinfarkt. Ich bin kritikstabil aber bitte schön sachte,,[hört man den Sarkasmus?] hahaa, vielen Dank für dein liebes Lob!! Deine Ansicht bzgl Inkarnation finde ich spannend, sollte man mal drüber nachdenken..LG!

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      1. Mannmann, Fraufrau, fast ’nen Herzfarkt in hattetest du? Oh, solch sensibeles Wesen liebe ich, doch möchte ich niemanden erschröcken, weder Pflanze noch Tier, noch Normalo, schon gar nicht sensibele Frau. Hoffete schon, dass du schnell jenuch auf die Fortesetzung springen mögest, ohne zwischenzeitlich abgelebet zu habenen.

        Was sich mir bezüglich Anlagen einer jeden Inkarnation zeigt, versuche ich zeitlebens zu verstehen, zu interpretieren. Ich war Lehrer. Warum ist dieses Kind so, jenes Kind so? Wie kommt es, dass dieses Kind diese extremen Stärken, jenes diese extremen Schwächen hat, nicht etwa nur kognitiv, sondern in Bezug auf sein gesamtes Verhalten?

        Es werden Modelle angeboten. Ich gehe davon aus, dass auch ich die Wahrheit nicht gefressen habe, dass auch ich gewisse Modelle, meinen Anlagen entsprechend, bevorzuge. Vir sapiens autem scit, se nihil scire. Der weise Mann aber weiss, dass er nichts weiss. Bin ich nun weise? Nö. Es ist einfacher: Ich habe mein Weltbild. Allerdings nehme ich für mich in Anspruch, dass ich dieses mein aktuelles Weltbild jederzeit über den Haufen schmeisse, wenn sich mir ein Weltbild zeigt, welches mir mehr einleuchtet. Däts it.

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